DER STANDARD, 10. Juni 2000 Zurück!     

DERSTANDARD WOHNEN

Dichte Wiener Wohnbaupackungen

Zwei Modelle für Eigentum und Miete. In Atzgersdorf baute die Wohnungs- gesellschaft für Bundesbedienstete mit Architekt Walter Stelzhammer Atriumhäuser. An der Lände gingen die Bauträger Wiener Heim, Frieden und Wohnungseigentum mit Boris Podrecca in die Höhe.


Gert Walden

Wien - Nach außen hin ziemlich reserviert wirkend, entfalten Walter Stelzhammers Atriumhäuser für die Wohnungsgesellschaft der Bundesbediensteten (BUWOG) ihren inneren Reichtum. Folgend der gedanklichen Tradition von Adolf Loos und den bewährten Wohngewohnheiten des Nahen Ostens verpflichtet, wurde in der Atzgersdorfer Ziedlergasse eine "Wohnarche" gebaut, die einiges zu leisten vermag.

Da gibt es den persönlichen Freiraum im Atrium, blickgeschützt und introvertiert, da gibt es aber auch den freien Blick von den Terrassen über den ehemaligen, nun eingegliederten Vorort von Wien. Und wem das nicht reicht, der kann vom "Grüßbalkon" in die hohle Wohngasse schauen. Die Innenräume entwickeln sich logisch um das Geviert des Atriums, das allerdings jeweils in zwei Eigentumshälften geteilt ist. Dafür sind die Erschließungswege knapp und die Treppe im Kern der Häuser steil gehalten, denn sie bilden die Akustikbarriere zwischen den privaten Zimmern und den beiden gemeinschaftlichen Speise- und Wohnräumen.

Finanzierung

Wenn allerdings die finanziellen Möglichkeiten der Eigentümer es erlauben und die Chance auf das Freiwerden der Nachbarwohnung gegeben ist, dann lassen sich die beiden Atriumshälften zu einem gemeinsamen größeren Ganzen zusammenlegen.

Doch dieses Unternehmen ist so billig nicht. Der Kaufpreis für eine Wohnung samt geteiltem Atrium beträgt ausfinanziert rund 3,7 Millionen Schilling (268.889 EURO). Aber bei Einbringung von 975.000 S an Eigenmitteln und Förderungswürdigkeit, die bei fast allen Österreichern gegeben ist, hilft das Subventionsgeschenk der Gemeinde Wien in Höhe von 325.000 S (plus 25.000 S pro Kind) zur Tilgung. Außerdem gibt es eine BUWOG-Finanzierung von 1,3 Millionen Schilling zum Schleuderzinssatz von fixen 3,02 Prozent. Die restlichen 1,1 Millionen Schilling müssen bei Bedarf über Bankdarlehen mit ihren unterschiedlichen Konditionen aufgebracht werden.

In der Brigittenau

Während also im Süden Wiens die Verdichtung im Flachbau erfolgt, gehen private (Wiener Heim) und gemeinnützige Bauträger (Wohnungseigentum/Frieden) an der Brigittenauer Lände gemeinsam in die Höhe: Der Grund ist der Grundstückspreis des Wiener Bodenbereitstellungs- und Siedlungsfonds. Die große Bebauungsdichte erweitert die Nettonutzflächen und hält damit auch die Belastung für die Mieter unter den gesetzlich vorgeschriebenen 3000 S pro Quadratmeter für den Grundkostenanteil.

Ein weiteres Mittel, um die Belastungen der Mieter ökonomisch, nicht nur durch die Bauhöhen knapp unter der Wiener Hochhausgrenze von 28 Metern, zu dämpfen, wurde auch an der Brigittenauer Lände nahe dem Döblinger Steg eingesetzt: Die Anlage ist mit unterschiedlich subventionierten Eigentumswohnungen nach den Förderungsparagraphen 14 und 15 durchmischt. Diese können mit Grundkostenanteilen zwischen 4000 und 7000 S belastet werden.

Weniger Belastungen

Diese Maßnahmen der Kostenreduktion, wie sie in der Bundeshauptstadt mittlerweile Regel geworden sind, vermeiden außerdem noch die Gettobildung. Bezieher unterschiedlicher Einkommen leben hier miteinander, wie es sich die Rathauspolitiker vorstellen. Die Mischkulanz der Bewohner lässt sich auch an der Architektur von Boris Podrecca ablesen.

Die besseren Wohnungen sind als Penthouses mit Weitblick platziert, während die unteren Etagen nicht sehr von der Optik üblicher Wohnbauten entfernt sind. Im Inneren der Anlage entwickelt sich trotz der Enge ein Wege- und Platzsystem, das, jeweils für sich betrachtet, einige Intimität zu vermitteln vermag. Doch hier, wie auch mit der Blockbebauung für die Remise Vorgartenstraße oder in der Thermensiedlung Grundäckerstraße sind die Grenzen eines erträglichen Wiener Wohnbaus erreicht.


DER STANDARD, 10./ 11./ 12. Juni 2000
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