DER STANDARD, 21. September 1996 Zurück!     
"Der Standard" vom 21.9.1996 Seite: 6 Ressort: IMMOBILIEN

Dichtes Wohnen im grünen Zimmer

Vom Wiener Stadtzentrum mit öffentlichen Verkehrsmitteln innerhalb von 15 Minuten zu erreichen und dennoch nahe dem Erholungsgebiet der Donauauen liegt die Siedlung am Mühlgrundweg.

Insgesamt 180 Wohnungen wurden am Mühlgrundweg nach einem städtebaulichen Leitprojekt der Architektengruppe Melicher, Schwalm- Theiss, Gressenbauer von der gemeinnützigen Bau-, Wohn- und Siedlungsgenossenschaft "Neues Leben" und der Wohnbaugesellschaft der Gemeindebediensteten errichtet.

Die Planung der einzelnen Bauteile wurde an sechs Architekturbüros vergeben. Der Bauteil Walter Stelzhammers - einer von fünf Wohnbauten, die für die Endrunde des "Adolf-Loos-Architekturpreises 1996" ausgewählt wurden - schließt die Siedlung im Westen zum Grünland und im Süden zum Mühlgrundweg hin ab.

Drei Riegel mit je vier Reihenhäusern sind zwei Zeilen von Geschoßbauten vorgelagert. Entgegen den Vorgaben des Leitprojektes orientierte Stelzhammer die Wohnungen Nord-Süd, wodurch der Bauteil zum Grünraum hin durchlässig wird. Es wurde ein zweigeschossiger Wohnungstypus erarbeitet, der auf drei Arten interpretiert wird: Als Reihenhaustyp mit Gartenhof und Keller, daraus entwickelt die "Maisonette mit grünem Zimmer" und teilweise unterkellert, sowie die Obergeschoßmaisonette mit von oben belichteter Loggia als Gartenersatz.

Die Gärten mit einer Grundfläche von 45 Quadratmetern erhalten durch eine Umfassungswand Hofcharakter. Die Intimität der Bewohner bleibt somit gewahrt. Durch die Öffnung der Südwand zum Garten hin wird dieser ein Teil des Wohnraumes. "Grünes Zimmer" ist der Terminus, der dem Architekten dazu am besten gefällt.

Trotz der großzügigen Offenheit des stützenfreien Wohnraumes sind - im Gegensatz zu den heute im Wohnbau oft thematisierten funktionsneutralen Räumen - alle Funktionsbereiche präzise vorbestimmt. Außer der Eingangstür gibt es in den Untergeschossen aber keine Türen.

Diese Großräumigkeit des Wohnbereiches wurde auch dadurch erzielt, daß Nebenräume wie Wirtschaftsraum, Wintergarderobe und Toilette im Kellergeschoß untergebracht wurden. Das Obergeschoß beherbergt Badezimmer und die kleinen Schlafzimmer. Einen räumlichen Ausgleich zu diesen "Schlafkabinen" schafft die um den Luftraum umlaufende Galerie, auf der noch ein Arbeitsplatz untergebracht ist.

Bei einer Befragung der Bewohner durch den Architekten im Mai dieses Jahres zeigten sich diese mit ihrer Wohnsituation durchwegs zufrieden. Die monatliche Miete beträgt 60,53 S brutto pro Quadratmeter inklusive Betriebskosten. An Eigenmitteln waren für eine 129,86 Quadratmeter große Wohnung 655.000 S erforderlich. Nach zehn Jahren können die Wohnungen von den Mietern im Eigentum übernommen werden.

Ausgehend von der Siedlung Mühlgrundweg arbeitet Walter Stelzhammer an der Entwicklung noch dichterer Wohnbaumodelle mit dem Ziel, den Geschoßbau durch verdichteten Flachbau zu ersetzten. "Wohnarchen" nennt er die Hofhäuser, die ähnlich einem islamischen Stadtgefüge miteinander vernetzt sind. Franziska Leeb

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